Die Energie-Kolumne

„Rote Karte für diese Technologie­politik“

12. Mai 2023

Kolumne Professor Dr. Justus Haucap

Das Verbrennerverbot der EU bedroht die Automobilproduktion in Deutschland und dürfte hierzulande zu massiven Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzverlusten führen. In Irrweg - schliesslich ist es überhaupt nicht sicher, ob der einseitige Blick der europäischen Politik auf den Elektromotor dem globalen Klima wirklich hilft.

Im Oktober hat die Europäische Union das Aus für Verbrenner-Autos ab dem Jahr 2035 besiegelt. Neuwagen mit Verbrennungsmotor dürfen dann in der EU nicht mehr zugelassen werden. Bereits für das Jahr 2030 wurde als Zwischenziel ausgegeben, die CO2-Emissionen am Auspuff um 55 Prozent gegenüber dem Jahr 2021 zu senken.

Mit dieser Entscheidung stellt die EU die Weichen faktisch vollständig in Richtung Elektromobilität. Theoretisch lässt sich das anvisierte Flottenziel einer hundertprozentigen CO2-Reduktion bis 2035 zwar nicht nur durch Elektroautos, sondern auch mithilfe von Brennstoffzellen-Fahrzeugen mit Wasserstoff erreichen. Doch dürfte Wasserstoff vor allem in der Industrie benötigt werden, sodass für den Pkw-Verkehr kaum Wasserstoff verfügbar sein wird.

Die einseitige Technologiepolitik mit Fokussierung auf eine einzige Technologie, den Elektromotor, wird ganz erhebliche Wertschöpfungs- und Arbeitsplatzverluste in Deutschland mit sich bringen. Zum einen droht Deutschland der Verlust der Kernkompetenz beim Verbrennungsmotor, wenn diese Fahrzeuge in der EU nicht mehr zugelassen werden können. Da aber im Rest der Welt, außerhalb Europas, kein Verbrennerverbot implementiert wird, ist noch nicht einmal aus klimapolitischer Sicht überhaupt klar, ob eine weitere Reduktion des CO2-Ausstoßes beim Verbrennungsmotor nicht mehr zu einer globalen CO2-Reduktion beitragen könnte als ein Verbot des Verbrennungsmotors in der EU. Zugleich wird in Europa die weitere Forschung an E-Fuels unattraktiv gemacht. Zwar soll die EU-Kommission in vier Jahren noch einmal überprüfen, ob auch mit E-Fuels betriebene Fahrzeuge zugelassen werden könnten. Ob Letzteres aber geschehen wird, steht heute in den Sternen.

Zum anderen droht der Verlust der Wettbewerbsfähigkeit für die Automobilproduktion am Standort Deutschland. Wie eine Studie der zur PwC gehörigen Strategieberatung Strategy& jüngst belegt hat, machen die in Europa drastisch gestiegenen Energiepreise, aber auch die gestörten Lieferketten der deutschen Automobilwirtschaft das Leben aktuell schwer. Schon heute drängen immer mehr chinesische Hersteller von Elektroautos mit Marken wie Aiways, MG, BYD, Ora, Nio, Zeekr und Xpeng auf den europäischen Markt. Zugleich verlagern westliche Hersteller zunehmend die Produktion ihrer Elektroautos nach China. Der PwC-Studie zufolge wird Europa schon in zwei Jahren von einem Export- zu einem Importmarkt für Automobile. Für 2025 prognostiziert PwC, dass rund 800.000 Autos aus China in die EU importiert werden, davon mehr als 40 Prozent von europäischen Herstellern. Die ohnehin schwierigen Wettbewerbsbedingungen der europäischen Automobilwirtschaft werden in dieser Situation durch die völlig einseitige Technologielenkung der EU noch weiter verschlechtert, ohne dass der klimapolitische Nutzen klar belegt ist. Viel besser wären markt- und wettbewerbsfreundliche Lösungen wie die konsequente Einbeziehung des Verkehrsbereichs in das europäischen Emissionshandelssystem. Selbstredend übrigens, das gesamtbilanziell CO2-neutrale Fuels hierfür keine Zertifikate benötigen würden. Noch ist es dafür nicht zu spät.

Foto: by-studio/stock.adobe.com
Vollbild